
Duke Reid, der Betreiber eines der ersten, jamaikanischen Soundsystems mit seiner Anlage.
Lautstärke ist der musikalische Parameter, der uns am direktesten betrifft: Ist etwas zu laut, schmerzt es, ist es zu leise, hört man es nicht, wobei diese Sinnesempfindungen immer von persönlichen Vorlieben vorgeformt sind. Die Erfindung von Geräten zur Klangreproduktion ermöglichte es, musikalische Werke in unterschiedliche Kontexte und Lautstärkegrade zu transferieren: Dank Lautsprechern können wir heute Klänge in einer Lautstärke erzeugen, die weit über die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs hinausgehen und alle anderen Umgebungsklänge neutralisieren. Gleichzeitig können Mikrofone Klänge aufzeichnen, die unter der Hörgrenze liegen. Das Phänomen Lautstärke ist an der Schnittstelle von musikalischen Prozessen, technischen Entwicklungen und der Gestaltung von sozialen Hörräumen angesiedelt, was sich im 19. und 20. Jahrhundert besonders akzentuierte. Musikalische Lautstärke ist also als eine hörpolitische und damit soziotechnische Praxis zu verstehen, um soziale Interaktion zu moderieren, Machtverhältnisse zu markieren sowie zu unterlaufen und auf gesellschaftliche Entwicklungen akustisch zu reagieren.
Das Forschungsprojekt zeichnet in vier Stationen eine Geschichte des Phänomens der Lautstärke im 19. und 20. Jahrhundert nach. In einer ersten Station werden die instrumentenbaulichen Entwicklungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts und die Wechselwirkungen mit den kompositorischen Tendenzen der Zeit im Fokus stehen, dies vor allem am Beispiel der zahlreichen Erfindungen Adolphe Sax’ und seiner Verbindung zur Militärmusik. In einer zweiten Station geht es um die «soundgeschichtliche Gründerzeit», wie Gerhard Paul schreibt, von 1900 bis zum 2. Weltkrieg. Hierbei werden die Verschränkungen zwischen technischen Innovationen (Grammophon), hörpolitischen Tendenzen (Anti-Lärm-Bewegung und Etablierung der andächtigen Hörhaltung im bürgerlichen Konzertsaal) und künstlerisch-musikalischen Entwicklungen (leise Stücke z. B. bei Anton Webern, Lärmbegeisterung der Futuristen, Inkorporation der neuen Technik in musikalische Kontexte) untersucht. In der dritten Station geht es um die Anfänge der Soundsystem-Kultur in den 1950er- und 1960er-Jahren in Jamaika, wobei das technische Objekt der Lautsprecheranlage und seine dynamische Potenz zentrales Moment für den Erfolg eines Soundsystems und seiner Crew war. Und in der vierten und letzten Station geht es – sozusagen als Gegenpol zur dritten – um avantgardistische Musik des späten 20. Jahrhunderts, die sich an den untersten Rändern des hörbaren Bereichs bewegt und um ihre hörpolitischen Implikationen (Gegenposition zu einer Welt, die anscheinend immer schneller, lauter und technologisch vermittelter wird).
In all diesen Situationen stellen sich folgende Fragen: Inwiefern Lautstärke ist als musikalischer Parameter von den technologischen Möglichkeiten und dem sozialen Kontext des Musikhörens abhängig? Und, umgekehrt, wie beeinflussen musikalische Entwicklungen via Lautstärke technische Innovationen und strukturieren soziale Hörsituationen? Die Forschungsfragen selbst sind inhärent interdisziplinär, weshalb sich die methodischen Ansätze divers gestalten. Die unterschiedlichen Themen und Ansätze werden jedoch durch den klaren Bezugspunkt der Lautstärke zusammengehalten. Das Projekt möchte die Geschichte der Lautstärke als ein Phänomen (be)schreiben, das sich immer in den Gebieten abspielt, wo sich musikalische, technologische und soziopolitische Entwicklungen überlappen.
| Laufzeit | Juni 2026 bis März 2027 |
| Förderung durch | Forschungsfonds der Universität Basel |
| Projektteam | Dr. des. Jaronas Scheurer |