Konzeptualisierung musikalischer Form

Untersuchungen zur Musiktheorie und Musikästhetik im deutschsprachigen Raum 1850–1950

Im deutschsprachigen Kulturraum entsteht seit der Mitte des 19. Jahrhunderts über das Thema "Form in Musik" ein äussert facettenreicher Diskurs. Neben der relativ eigenständigen Tradition der musikalischen Formenlehre wird in Musikästhetik und Musikkritik die essentielle Frage, wie das Konzept von "Form in Musik" überhaupt angemessen zu verstehen sei, kontrovers diskutiert. Das Forschungsporjekt geht von der These aus, dass von 1850 bis etwa 1950 die Tradition der musikalischen Formenlehre sowie die aktuelle kompositorische Praxis nur eine Ebene des Denkens über "Form in Musik" markieren. Entscheidende Einflüsse auf die Konzeptiualisierung von "Form in Musik" leiten sich darüber hinaus aus Ansätzen in Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft sowie aus philosophischer Ästhetik und experimenteller Psychologie her. Anhand (1) der Entwicklung des ästhetischen Formalismus, (2) der Ausbildung von Konzepten wie 'Kunstwollen' (Alois Riegl) und 'Kunstgeschichtliche Grundbegriffe' (Heinrich Wölfflin) in der Kunstgeschichte sowie der Entwicklung der 'allgemeinen Kunstwissenschaften' (Max Dessoir) nach 1900, (3) der Wirkung phänomenologischen Denkens und der Gestalttheorie auf die Musiktheorie, und (4) angebotenen Lösungsstrategien zur Übertragung räumlicher Formkonzeptionen auf die transitorischen Kunstform Musik werden essentielle Stationen, Entwicklungen und Wendepunkte der Diskurse über "Form in Musik" analysiert. Das Projekt wird durch die Untersuchung theoretischer Überlegungen seitens moderner Komponisten (u.a. Arnold Schönberg, Ferruccio Busoni, Stefan Wolpe, Hanns Eisler und Vertretern des frühen Serialismus) komplementiert.

Die Zielsetzung des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projetkes ist es, die Entwicklung formtheoretischen Denkens über Musik aus einer interdisziplinären Perspektive heraus darzustellen. Durch den gewählten methodischen und inhaltlichen Zugriff wird das Thema aus der Beschränkung auf den Bereich der Musiktheorie herausgelöst; aufschlussreiche ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Bezüge werden so sichtbar gemacht und analysiert.

 

ProjektleiterMatthias Schmidt
MitarbeitenderFelix Wörner

 

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Buchpublikation: Konzeptualisierung von Form in Musik

Cover Wörner

Aspekte von Formvorstellungen tonaler Musik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

Im Rahmen des Forschungsprojekts entstand ein Buch, das unter dem Titel "Konzeptualisierung von Form in Musik. Aspekte von Formvorstellungen tonaler Musik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert" im Dezember 2021 publiziert wurde (Titelbild, s. rechts). Über diesen Link kommen Sie zur Verlagsseite. Es folgt der Beschriebtext:

Wie kann Form in der transitorischen Kunstart Musik angemessen verstanden werden? Seit dem 19. Jahrhundert kreisen Überlegungen zum Phänomen von Form in Musik verstärkt um diese Frage. Dabei rücken Systeme der Gattungsformen mit ihrem architektonisch geprägten Formbegriff zunehmend in den Hintergrund; in Wechselwirkung mit wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungen zeichnen sich grundlegende Veränderungen im Konzept von Form in Musik ab. Aus einer interdisziplinären Perspektive heraus zeigt die Untersuchung Einflüsse von philosophischer Ästhetik, experimenteller Psychologie sowie von innovativen Ansätzen der Kunst- und Literaturwissenschaften auf formtheoretisches Denken. Sie bietet mit dieser neuen Kontextualisierung und Perspektivierung eine wichtige Ergänzung zu kompositionsgeschichtlichen und formanalytischen Studien.

Felix Wörner: Konzeptualisierung von Form in Musik. Aspekte von Formvorstellungen tonaler Musik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Basel 2021.