Workshop: Überkomplexe Musik nach 1945: Spieltechnische und analytische Herausforderungen

Am 4. und 5. Mai am Musikwissenschaftlichen Seminar. Der Workshop findet online statt.

Ein Workshop im Rahmen des Kooperationsprojekts Musikwissen
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die spieltechnischen Anforderung an die Interpret*innen Neuer Musik massiv zu. Diese Entwicklung mündete auch in technisch unspielbaren Werken, an denen die Interpret*in nur mehr oder weniger gut scheitern kann. Um diesen Widerspruch zwischen dem, was von der Komponist*in als Werk notiert wurde, und dem, was von den Interpret*innen tatsächlich verwirklicht werden kann, soll es im Workshop gehen. Einerseits entwickelten Interpret*innen dadurch neue spieltechnische Ansätze, eigene interpretatorische Zugänge und analytische oder theoretische Einsichten, andererseits zwingt dieser Widerspruch auch die musikwissenschaftliche Analyse, die noch immer meistens von dem Notierten als gleichbedeutend mit «Werk» ausgeht, zu neuen methodischen Ansätzen. Wie gehen Interpret*innen kreativ mit unaufführbaren Werken um? Wie kann man analytisch mit unspielbaren Partituren umgehen? Und können unspielbare Werke sogar zu einer neuen interpretatorischen Freiheit führen?
Im Workshop soll im engen Austausch zwischen Musikwissenschaft, Interpretations- und Kompositionspraxis diese und verwandte Fragen diskutiert werden. Als Gäste sind der Komponist Wieland Hoban, der sich ausführlich mit dem Komponisten Klaus K. Hübler auseinandergesetzt hat, der Pianist und Musikwissenschaftler Pavlos Antoniadis, der durch die Arbeit mit überkomplexen Werken seine Methode der verkörperten Navigation entwickelte, der Pianist und Dirigent Jürg Henneberger, der in seiner Funktion als Leiter des Ensemble Phoenix regelmässig mit (beinahe) unspielbarer Musik zu tun hat, und die Musikwissenschaftlerin und Sängerin Anne-May Krüger, die sich in ihrer Dissertation ausführlich mit der Zusammenarbeit von Sänger*innen und Komponist*innen beschäftigt hat, eingeladen.
 

Öffentlicher Abendvortrag am Dienstag, 4. Mai 2021, in Zusammenarbeit mit dem Colloquium 48:

19:15-20:45 – Vortrag Wieland Hoban: Aufspaltung von Innen. Parametrische Polyphonie in der Musik von Klaus K. Hübler und anderen

Detaillierte Informationen zum Vortrag – auch zu den Zugangsdaten – finden Sie hier.

Workshop am Mittwoch, 5. Mai 2021, von 9:30-17:00:

Um Anmeldung per Email an j.scheurer@clutterunibas.ch wird gebeten. Die Zoom-Links werden dann zugesendet.

9:30 – Begrüssung und methodische Vorbemerkungen von Jaronas Scheurer: Was ist unaufführbare Musik?

10:00 – Input Pavlos Antoniadis: Intelligence and spirit in contemporary piano performance: On the multiple senses of touch in Klaus K. Hübler’s Sonetto LXXXIII del Michelangelo and in Wieland Hoban’s when the panting STARTS
10:30 – Diskussion

Ca. 11:00 – Pause

11:30 – Input Jürg Henneberger: Rhythmische Polyphonie bei Karlheinz Stockhausens Klavierstücke I-IV
12:00 – Diskussion

12:30 – Mittagspause

14:00 – Input Wieland Hoban: Zu Klaus K. Hüblers Cello-Solo Opus breve – ein ästhetisches Drama
14:30 – Diskussion

15:00 – Pause

15:30 – Input Anne-May Krüger: „I can’t be bothered. The piece is there, Hart is not.”

16:00–17:00 – Abschlussdiskussion

Ein ausführliches Programm mit Zusatzinformationen zu den einzelnen Beiträgen finden Sie hier.


Performative Perspektiven auf Weberns Variationen für Klavier op. 27. Darmstadt und die Folgen

Workshop im Rahmen des Kooperationsprojekts «Musikwissen»

 

Musikwissenschaftliches Seminar der Universität Basel, Vortragssaal

[Verschoben auf Herbst 2021; Termin wird noch bekanntgeben]

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Als ein Schlüsselwerk der Neuen Musik stehen Anton Weberns Variationen für Klavier op. 27 in den 1950er-Jahren im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik vielfach im Mittelpunkt kontroverser Deutung und Diskussion. Die signifikant unterschiedlichen Perspektivierungen der wichtigsten Protagonisten reichen dabei von dem Bemühen um die Wiedergewinnung einer »authentischen« Deutung und Interpretation (wie sie exemplarisch der Pianist und Musikwissenschaftler Peter Stadlen verkörpert) bis zu einer analytischen und theoretischen Auslegung der Komposition als ein Werk, in dem einige serielle Denkweisen bereits in nuce ausgeprägt seien.

Der geplante Workshop setzt es sich zum Ziel, anhand von Veröffentlichungen und Archivalien die unterschiedlichen Zugänge zu Weberns Komposition zu rekonstruieren und das gesamte Deutungsspektrum, das insbesondere um die Mitte der 1950er-Jahre entworfen wurde, in den Blick zu nehmen. Dabei soll der Versuch unternommen werden, neben veröffentlichten und unveröffentlichten Analysen und Theorieentwürfen auch die künstlerischen Interpretationen des Werkes als gleichberechtigte Quellen mit einzubeziehen; die Auswertung von Tonaufnahmen und Aufführungsmaterialien stehen also den theoretischen Reflexionen der Komponisten und Theoretiker gleichberechtigt zur Seite: ihr Verhältnis zueinander wäre jedoch im Einzelnen zu klären.

Neben der Auswertung der Quellen sollen in den Workshop insbesondere die methodischen Herausforderungen, die der Umgang mit, die Auswertung von und die wechselseitige Bezugnahme von so diversen Materialien (theoretische Reflexionen; akustische Aufzeichnungen von Interpretationen; kompositorische Auseinandersetzung) nach sich zieht, Gegenstand der Diskussion sein. Dabei ist insbesondere das Verhältnis der Interpretation schriftlicher Quellen (schriftliche Aufzeichnungen, Notate, Publikationen) und akustischer Quellen (Aufnahmen von Interpretationen) zu diskutieren. An dem Austausch teilnehmen werden Thomas Ahrend, Julian Caskel, Pietro Cavallotti, Jean-Jacques Dünki, Matthias Schmidt, Felix Wörner.

Kontakt: felix.woerner@clutterunibas.ch