‚Mit Pop und Mozart zum WM-Erfolg?‘

Pattern

Wenn man nach Verbindungen zwischen Fussball und Musik sucht, findet man wohl mehr Musik im Fussball, als Fussball in der Musik. Denn die Fans treiben ihre Mannschaft bekanntlich mit Gesängen voran und tragen so zur Stimmung in den Stadien bei.

Solche Fussballhymnen, welche im musikalischen Parodieverfahren für die jeweilige Mannschaft angepasst werden, sind meist aus der Popmusik entlehnt, da diese einfache Melodien und Rhythmen verlangen. (Eine ausführliche Studie dazu verfassten die Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez u. Guido Brink: Fussball-Fangesänge. Eine Fanomenologie, Würzburg 2010.) Kein Spiel kommt beispielsweise ohne das allseits bekannte Pattern – dem sogenannten Soccer-Rhythmus – aus, welches aus dem Song Hold tight der englischen Rockgruppe Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich (kurz DDDBMT) stammt. So ist auch der helvetische Fanruf ‚Hopp Schwiiz‘ diesem Rhythmus entlehnt.

Zweifellos sind aber Fussball und Musik zwei Phänomene, welche die Menschen bewegt. Mit Spannung, Tempo, Rhythmus, Struktur und Logik haben beide Bereiche zu tun, wie dies Giovanni Trapattoni 2008 in einem Interview mit der FAZ treffend formulierte. Dabei stellte der bekennende Klassik-Fan die These auf: „Wer Mozart hört, kann auch besser Fussball spielen“ und fügt an, „Mozart, eh, isse die beste Schreiber di Noten.“

Es wäre somit ratsam, dass sich die ‚Nati’ mit Mozart auf die WM-Spiele einstimmt, bevor sie mit dem Soccer-Rhythmus anschliessend Tempo aufnehmen. Dann würde es diesmal vielleicht sogar zur Weltmeisterschaft reichen. Der Samba wurde ja am Sonntag bereits ausgetanzt…


Matthieu Romanens empfiehlt:

Eric Satie

Erik Satie hatte seit seiner Zeit an der Schola Cantorum in Paris seine Zeitgenossen an Stücke mit skurrilen Titeln wie 1912 die Préludes flasques pour un chien („schlaffe Präludien für einen Hund“) oder 1913 die Embryons desséchés („ausgetrocknete Embryonen“) gewöhnt. Darüber hinaus schienen nur wenige Musiker Saties Schreibtechnik zu verstehen, insbesondere seinen überraschend einfachen, beinahe kindlich anmutenden Kontrapunkt. Doch trieb er in den nächsten Jahren die avantgardistische Provokation noch weiter: In Zusammenarbeit mit Cocteau (der für den Plot verantwortlich zeichnete), Picasso (welcher Bühnenbilder und Kostüme beisteuerte) und Massine (Choreograph der Ballets russes) komponierte er für das „realistische Ballett“ Parade (1917) eine ‚gestische‘ Musik, die aktuelle Zuhörer verblüffen mag, sofern sie den Komponisten nur durch die allseits bekannte, beinahe kitschige Ruhe der Gymnopédies (1887–1888) und Gnossiennes (1890–1897) kennen.

Saties Ballettmusik setzt sich aus hintereinander aufgestellten ‚Baukästen‘ zusammen, die jede musikalische Entwicklung ablehnen. Die unvorbereiteten Übergänge zwischen den Episoden verleihen der Musik eine äusserst kantige, der kubistischen Ästhetik Picassos ähnelnde Struktur.

Wie die Originalaufführung mit Diaghilevs Ballets russes ausgesehen haben mag, zeigt das beigefügte Video mit Ausschnitten eines Rekonstruktionsversuchs der Formation „Europa Danse“. Die Vorhänge, Bühnenbilder und Kostüme lehnen sich an die Originalmodelle der Erstaufführung an.


Stefan Münnich, Doktorand am Musikwissenschaftlichen Seminar, empfiehlt:

Video Rautavaraa

Video Blacher

Streamingdienste nehmen einen immer größeren Stellenwert im Alltag und der Erfahrungswelt von Musikhörern ein. Was Spotify, iTunes, AmazonMusic & Co. (aber auch YouTube, Vimeo u.a.) auszeichnet, ist die permanente und oftmals (bis auf die persönliche Datenpreisgabe) unbeschränkte Verfügbarkeit sämtlicher Musik – soweit sie eingespielt, hochgeladen und verlinkt wurde. Den nahezu gesamten Konzert- und Studiobetrieb kann man sich so auf das heimische Endgerät holen und aneignen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass eine solche Aneignung von dem impliziten Vertrauen abhängt, dass Musikfiles & Metainformationen in den digitalen Datenbanken korrekt hinterlegt sind. Welche Blüten auch nur der kleinste „Fehler in der Matrix“ treiben kann, zeigt der folgende Fast-Plagiats-Krimi, in dem Boris Blachers Concertante Musik für Orchester, op. 10 (1937), und Einojuhani Rautavaaras 7. Sinfonie (1994) die unfreiwilligen Hauptrollen spielen:

http://www.zeit.de/kultur/musik/2018-02/musik-metadaten-spotify-klassische-musik-plagiat

Wer möchte, kann die beiden Stücke auf YouTube vergleichen. Aber wer weiß, evtl. handelt es sich ja weder um Rautavaraa noch Blacher?

P.S.: Eine kritisch-informierte Haltung gegenüber digitalen Tools ist momentan u.a. auch Thema in dem Kurs „Willkommen in der Matrix: Digitale Anwendungen für die Musikanalyse in Theorie und Praxis“ am Musikwissenschaftlichen Seminar. Weitere Hörer sind jederzeit willkommen.